Der Zentralrat der Juden hat mit seinem Boykott der Holocaust-Gedenkstunde in Berlin Ratlosigkeit und Unverständnis ausgelöst. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) wies über seinen Sprecher die zum Teil sehr persönliche Kritik von Zentralrats- Generalsekretär Stephan Kramer zurück.
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) bewertete die Vorwürfe als nicht nachvollziehbar. Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck sagte:
„Es wäre wünschenswert gewesen, wenn man die Unstimmigkeiten vorher hätte ausräumen können.“
Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, warf dem Bundestag vor, Holocaust-Überlebenden nicht mit dem gebührenden Respekt zu begegnen.
„Wir waren dort immer Gäste in der zweiten oder dritten Reihe, in der ersten Reihe haben wir nie gesessen“, sagte sie der „Badischen Zeitung“ (Donnerstag). Man habe sich darüber schon in den Vorjahren beklagt. „In keinem Jahr wurde die Anwesenheit der Vertreter des Zentralrats und der Überlebenden auch nur erwähnt.“
Thierse sagte im WDR, er habe 2005 als Bundestagspräsident den damaligen Zentralrats-Präsidenten Paul Spiegel ausdrücklich begrüßt. Er sei auch in früheren Ansprachen auf die jüdische Gemeinschaft und die Nazi-Opfer eingegangen. Lammerts Sprecher Guido Heinen wies darauf hin, dass die Vertreter des Zentralrats bei der Gedenkveranstaltung immer auf der Ehrentribüne säßen und nicht auf den Besucherplätzen.
Ganz offensichtlich war die Begründung für diesen Boykott durch den Zentralrat der Juden aber nur vorgeschobener Grund…tatsächlich dürfte hinter der Ablehnung die Tatsache stehen, das bestimmte Gespräche der Jewish Claims Conference (JCC) und der deutschen Regierung nicht den von der JCC gewünschten Erfolg hatten und man mit der Drohung -der Nichtteilnahme an der Gedenkveranstaltung- Druck auf die Regierung ausüben wollte…
Das Handelsblatt schreibt zu diesen Gesprächen folgendes:
Bund soll mehr Geld für Nazi-Opfer geben
Vor einer im März angesetzten Gesprächsrunde mit der Bundesregierung dringen der Zentralrat der Juden in Deutschland die Jewish Claims Conference (JCC) auf eine Ausweitung der Leistungen an NS-Opfer. „Wir wollen Lücken schließen, wo diese existieren“, sagte der Verhandlungsführer des JCC, Stuart Eizenstat, auf Handelsblatt.com.
WASHINGTON/DÜSSELDORF. Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, forderte im Gespräch mit Handelsblatt.com die Bundesregierung auf, angesichts des hohen Alters der Holocaust-Überlebenden “alle offenen Fragen des Entschädigungsrechts ernsthaft zu prüfen und das Thema abschließend und zugunsten der immer weniger werdenden Opfer zu beantworten”. Die alljährlich laufenden Verhandlungsrunden seien “unwürdig und unzumutbar”, sagte Kramer. “Eine humanitäre Geste der Bundesregierung wäre auch angesichts des Holocaust-Gedenktages ein wichtiges Signal der Glaubwürdigkeit.”
Die Claims Conference vertritt die Opfer des Holocaust. Im März kommen Vertreter des Bundesfinanzministeriums und der JCC in Berlin zusammen.
Eizenstat wollte zwar keine Angaben über die Höhe möglicher neuer Geldforderungen machen. Doch der frühere stellvertretende Finanzminister unter Präsident Bill Clinton legte dar, an welchen Stellen sich die JCC von deutscher Seite Verbesserungen wünscht. So soll das Programm zur häuslichen Pflege ausgebaut werden, für das Deutschland bislang 30 Mio. Euro jährlich aufbringt. „Wir würden es gern sehen, dass dies erneuert und aufgestockt wird“, sagte Eizenstat. Kramer wies in diesem Zusammenhang auf die Spätfolgen der Verfolgung hin, unter denen viele ältere Nazi-Opfer zu leiden hätten. Da in den meisten Fällen keine Familienangehörigen existierten, weil viele Betroffene allein überlebt hätten, seien sie auf häusliche Pflege angewiesen. “Es ist keine Frage des Rechtsanspruchs oder der Entschädigung, sondern eine Frage der Humanität und der moralischen Verantwortung den Überlebenden die letzten Lebensjahre in Würde zu ermöglichen”, betonte Kramer. Bisher wird mit dem Pflegeprogramm 41 000 Menschen in 25 Ländern geholfen.
Neu geschaffen werden soll ein Programm zur medizinischen Betreuung. In vielen Ländern, in denen NS-Opfer lebten, sei ärztliche Behandlung „nicht in Reichweite, nicht ausreichend oder nicht existent“, sagte Eizenstat, der im März zum ersten Mal als Verhandlungsführer die JCC vertritt. Als dritten Punkt nannte Eizenstat eine Ausweitung der Entschädigungen für „Doppelopfer“. Gemeint sind damit jene, die sowohl unter den Nationalsozialisten wie auch unter den Kommunisten gelitten haben. Dies beziehe sich vor allem auf NS-Verfolgte, die in der ehemaligen Sowjetunion leben oder die erst später in die USA oder nach Israel ausgewandert sind. Deutschland leiste diesen Betroffenen derzeit eine Einmalzahlung von 2500 Euro. Viele der möglichen Empfänger – vor allem in der Ex-Sowjetunion – sind bislang jedoch nicht in der Lage gewesen, dieses Geld zu reklamieren. Die JCC geht davon aus, dass es in der EU heute rund 6600 und in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion mehrere Zehntausend „Doppelopfer“ gibt.
Eizenstat, der Ende der 90er Jahre das Programm zur Entschädigung von Zwangsarbeitern verhandelte, sagte, Deutschland habe seine moralischen Verpflichtungen in „bemerkenswerter und lobenswerter Weise“ erfüllt. Insgesamt sind seit Ende des Zweiten Weltkriegs rund 60 Mrd. Dollar an mehr als 500 000 Opfer gezahlt worden. Auch Zentralrats-Generalsekretär Kramer befand mit Blick auf das Luxemburger Abkommen von 1952, dass die Bundesrepublik “in beispielloser Weise” ein Entschädigungsprogramm für die Überlebenden der Schoa aufgelegt habe und sich damit zur ihrer nationalen und historischen Verantwortung bekannt habe. “Trotzdem gibt es noch eine Reihe von ungelösten Problemen und Härten, die nicht nur das Ansehen des Entschädigungsprogramms und damit der Bundesrepublik belasten, sondern für viele Überlebende eine schlimme Belastung und Qual in den letzten Lebensjahren darstellen”, sagte Kramer.
Mit dem Luxemburger Abkommen von 1952 verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, dem Staat Israel drei Mrd. D-Mark und an die Claims Conference 500 Mio. D-Mark zu zahlen. Es wurde vereinbart, dass “die individuelle Entschädigung für körperliche und psychische Schäden in der Globalzahlung an Israel enthalten sein müsse, soweit es die in Israel lebenden Hitleropfer betraf”. Tatsächlich aber zahlte Deutschland nach Angaben des Bundesfinanzministeriums bis Dezember 2007 65,114 Mrd. Euro an “Wiedergutmachungsleistungen”.




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@BlackHole
in dem Zusammenhang finde ich es aber doch mehr als erstaunlich, daß die JCC legitime Ansprechpartnerin der Bundesregierung in Sachen Holocaust-Opfer ist und kontinuierlich mit Regierungsvertretern in Verhandlungen steht. Ist dies nur durch Staatsräson zu erklären?
Auch wird von Seiten der JCC Druck auf die Bundesregierung unter Einbeziehung von Abgeordentern des US-Kongresses ausgeübt.
Hier noch ein “interessanter” Link der die Einflußnahme verdeutlicht.
http://www.claimscon.org/forms/Congress-letter7.10.07.pdf
Überflüssig zu erwähnen, daß der Brief seine Wirkung nicht verfehlt hat.
Das in dem Brief erwähnte Gesetz (ZRGB) ist eine Kuriosität für sich. Sie müssen sich mal Entstehung,
Inhalt und Umsetzung ansehen.
Gruß Jörg
@ BuergeJoerg
Zitat:
in dem Zusammenhang finde ich es aber doch mehr als erstaunlich, daß die JCC legitime Ansprechpartnerin der Bundesregierung in Sachen Holocaust-Opfer ist und kontinuierlich mit Regierungsvertretern in Verhandlungen steht.Auch wird von Seiten der JCC Druck auf die Bundesregierung unter Einbeziehung von Abgeordentern des US-Kongresses ausgeübt.
Offiziell hat sich JCC ja die Vertretung aller noch lebenden Opfer des Holocaust auf die Fahne geschrieben, zum einen weil die Opfer dann einen Ansprechpartner haben, zum anderen damit die Regierungen -weltweit- einen Ansprechpartner haben. JCC versteht sich quasi als Vermittler…
Ist dies nur durch Staatsräson zu erklären?
Ja…kann/muß man so sagen…
Zitat:
Auch wird von Seiten der JCC Druck auf die Bundesregierung unter Einbeziehung von Abgeordentern des US-Kongresses ausgeübt.
Das JCC Druck ausübt und sich dafür auch anderer “Vereinigungen/Politiker” bedient… ist bekannt, in Deutschland passiert das hauptsächlich über den Zentralrat der Juden…bislang hat dies immer auch gut funktioniert, man bekam eigentlich immer was man wollte und wann man es wollte. Allerdings ist in den letzten drei Jahren innerhalb der Politik etwas passiert, was auch ich mir noch nicht richtig erklären kann…jedenfalls verlaufen die jährlichen Verhandlungen zwischen dem Zentralrat und der deutschen Regierung seit ca. drei Jahren nicht mehr so “planmäßig”.
Vorläufiger Höhepunkt waren die abgebrochenen Gespräche vor dem Gedenktag -siehe den Artikel aus dem Handelsblatt- bzw. die Nichtteilnahme am Gedenktag selber bzw. die fadenscheinigen Begründungen dazu…
Zitat:
Das in dem Brief erwähnte Gesetz (ZRGB) ist eine Kuriosität für sich. Sie müssen sich mal Entstehung,
Inhalt und Umsetzung ansehen.
Das (ZRGB) werde ich mir am Wochenende mal in Ruhe durchlesen…danke für den Link…
BlackHole 29.01.2009/20:58 Uhr
Es ist schon erstaunlich, welche Rolle der JCC spielt.
Noch mehr erstaunt, daß diese Rolle von keiner Seite hinterfragt geschweige denn überpüft wird.
(zumindest nicht in Deutschland – in Israel gab/gibt es
zumindest einen Untersuchungsausschuß)
Betrachtet man die “Erfolgsgeschichte” des JCC in
Deutschland, seine herausgehobene Stellung, die seltsam anmutende Kritiklosigkeit in den Medien, muß man sich mindestens sehr wundern.
Ein Fall der eigentlich eine Aufschrei der Entrüstung hätte mit sich bringen müssen:
http://www.stoptheclaims.de/
@ BuergeJoerg
Zitat:
Noch mehr erstaunt, daß diese Rolle von keiner Seite hinterfragt geschweige denn überpüft wird.
Doch, die Rolle des JCC in Deutschland wird hinterfragt…und zwar von der jüdischen Gemeinde in Deutschland selber.
Auch wenn darüber in den Medien regelmäßig nicht’s zu lesen ist -die Gründe dafür sind übrigens sehr schön in dem Bericht beschrieben welchen Du hier verlinkt hast- so erfährt man in Gesprächen mit jüdischen Mitbürgern doch immer mal wieder, daß man mit dem JCC bzw. dessen Vorgehen hier in Deutschland, überhaupt nicht einverstanden ist.
Um mal beim Geld zu bleiben, selbst Juden wissen nicht, was der JCC mit dem von Deutschland -für die Opfer/Überlebenden des Holocaust- “gespendeten” Geld macht denn bei den noch lebenden Überlebenden in Israel z.B. kommt regelmäßig immer weniger bzw. seit Jahren gar kein Geld mehr an.
Das soll mal nur ein Beispiel sein…es gibt mit Sicherheit noch genügend andere.
Im übrigen, Danke für den Link…der damit verlinkte Beitrag war sehr informativ.
BlackHole 29.01.2009