Tauss unter Kinderpornoverdacht
Josef-Otto Freudenreich, veröffentlicht am 08.09.2009
Kraichtal-Gochsheim – Was macht eine Frau, deren Mann verdächtigt wird, ein Pädophiler zu sein? Öffentlich, in jeder Zeitung, auf jedem Fernseh- und Radiokanal. Abhauen, trennen, untertauchen? Irmgard Tauss hat gefragt. Zunächst sich selbst. Ob da ein „blinder Fleck“ bei ihr sei, etwas Verborgenes, das sie daran gehindert habe, in 33 Ehejahren klarzusehen. „Schieb die Liebe beiseite“, hat sie sich gesagt, „sei objektiv.“ In ihrer Arbeit hat sie häufig mit Koabhängigen zu tun, mit dem Alkoholismus der Männer, der von ihren Frauen gedeckt wird, weil sie ihn nicht sehen können oder wollen. Da hilft nur der nüchterne Blick von außen. Darüber spricht sie zum ersten Mal, ein halbes Jahr nach dem Absturz.
Irmgard Tauss ist hauptamtliche Gewerkschafterin und Gattin jenes SPD-Politikers, der das Brandzeichen eines mutmaßlichen Pädophilen trägt, wobei man den Eindruck nicht loswird, dass das Wörtchen „mutmaßlich“ nur noch aus juristischen Gründen vorangestellt wird. Der 59-jährigen Sozialdemokratin braucht niemand zu erzählen, wie „widerlich und ekelhaft“ Kinderpornografie ist, und was mit demjenigen geschieht, der diesen Stempel trägt. In ihrer Nachbarschaft im badischen Gochsheim wohnt ein Sozialarbeiter, der deshalb im Gefängnis war und sie bis heute abstößt. Wie mit so einem umgehen?
Und jetzt ihr Jörg? Der Anruf der Karlsruher Polizei hat sie am 5. März erreicht, im Büro der Gewerkschaft Verdi, wo sie für Medien und Theater zuständig ist. Ihr Haus werde durchsucht, hieß es, und sie möge sofort kommen. Ihr erster Gedanke, ihre erste Sorge war, ob sie „um Gottes willen“ überhaupt aufgeräumt hatte. Richtig akkurat standen eigentlich nur die alten Schreibmaschinen im Glasschrank, die ihr Mann gesammelt hat.
Der Tatvorwurf bahnte sich erst später seinen Weg ins Gehirn und traf sie mit voller Wucht, als die Kripo ihr empfahl, die Rollläden runterzulassen, die sie nicht hatten, durch den Hintereingang hinaus und möglichst lange in Urlaub zu gehen. Pädophile stehen in der Rangliste der Verbrecher ganz unten. Wenige Kilometer südlich, auf dem Marktplatz in Bretten, wo ihr Mann sein (zeitgleich durchsuchtes) Wahlkreisbüro hat, befragte ein Fernsehteam bereits Passanten, ob Jörg Tauss schon als Grabscher aufgefallen sei.
Das World Wide Web war für Tauss das Reich der Freiheit
Ihren Mann hat sie erst einen Tag danach gesehen. Er hatte sich in Berlin vor der Hauptstadtpresse zu erklären und dachte noch, die Dinge würden sich zum Guten wenden, wenn die Fakten auf dem Tisch liegen – bis er in seiner Berliner Wohnung war. Auch dort wartete die Polizei, aber auch schon die Nachricht auf seinem Blackberry, dass der Karlsruher Staatsanwalt verkündet habe, man sei fündig geworden und der Verdacht habe sich erhärtet. Tauss erinnerte sich dunkel daran, dass es derselbe Strafverfolger war, der ihn vor Jahren wegen Steuerhinterziehung belangt hatte – zu Unrecht.
Ob er in der Nacht alleine sei, fragte der ermittelnde Kommissar, durchaus besorgt. Draußen führe die Bahnlinie vorbei. Jetzt dämmerte Tauss, dass allein der Verdacht „tödlich“ war. Wo er überall herumgeirrt ist in dieser Nacht, weiß er nicht mehr. Am nächsten Tag ist er in Stuttgart am Flughafen angekommen. Seine Frau, die froh war, ihn lebend wiederzuhaben, hat ihn in die Arme geschlossen und gefragt, „wie blöd“ ein Mensch sein könne? Zu glauben, er könne einen Kinderpornoring ausheben, sei eine „idiotische Vorstellung“ und „völlig irre“. Diese fixe Idee kapiert sie bis heute nicht. „Ihm war völlig unbegreiflich“, sagt sie, „dass ihm das keiner abnimmt.“
Wenn es denn so gewesen sein sollte – also nicht Neigung, sondern „Eselei“, wie der Beschuldigte dazu sagt -, ist es nur mit der Psychostruktur des 56-Jährigen zu erklären. Immer durch die Wand, dröhnend und polternd, gerne auf Krawall gebürstet, als wäre er noch bei der Stuttgarter IG Metall, für deren einstigen Bezirksleiter Walter Riester er Sprecher war. Immer in Bewegung und von unstillbarer Neugierde getrieben. Der „Inter-Tauss“, wie ihn einst der „Spiegel“ anerkennend nannte, war einer der ersten Abgeordneten, der in der Welt des Netzes schwamm. Das World Wide Web war für ihn das Reich der Freiheit, in dem jeder schreiben konnte, was er wollte, und wer es beschränken wollte, landete schnell in einem Topf mit chinesischen, russischen und iranischen Potentaten.
Das hat genervt, insbesondere Hardliner wie Wolfgang Schäuble („Totengräber des Datenschutzes“) und zuletzt Ursula von der Leyen („Zensursula“), die Kinderpornografie sperren wollte. Ihr wollte er beweisen, dass die Stoppschilder auf den Internetseiten Unfug sind, weil die eigentlichen Geschäfte übers Handy und den Postweg laufen. Eine Einschätzung, die viele Experten teilen, die auch in seiner Partei mehrheitsfähig war – bis zu jenem 5. März, als Klaus Uwe Benneter in der Sitzung erschien, in der Tauss die Genossen gegen die Familienministerin einschwören wollte.
Bild-Zeitung: „SPD tut nichts gegen Kinderpornografie“
Es sei „etwas Unangenehmes“ passiert, sagte der Fraktionsjustiziar, er müsse mitkommen, die Kameras warteten schon. Danach war das Gesetz – das Einfallstor für weitere Verschärfungen – durch, mit den Stimmen der SPD. Eine Schlagzeile in der „Bild“-Zeitung, nach dem Motto „SPD tut nichts gegen Kinderpornografie“, hätte sich die Partei nicht leisten können, wurde ihm zu verstehen gegeben.
Inzwischen hat Tauss gelernt, dass er „keine Chance mehr“ hat. Er sitzt im Fischerheim am Grötzinger Baggersee, Jeans, rotes Freizeithemd, twittert mit seinem I-Phone und erinnert sich, wie seine Welt in Trümmer fiel. Stück für Stück setzt er für sich zusammen, was ihm als „soziale Exekution“ erscheint (siehe auch Chronologie des Falls Tauss): Die Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft, über die – zum Teil parallel zu den Aktionen – in der Presse berichtet wurde. Die flinke Aufhebung der Unschuldsvermutung, der Immunität im Parlament, das Trommelfeuer in vielen Medien („Porno-Politiker“), das kalte Abservieren in der eigenen Partei, in der nur noch Frank-Walter Steinmeier und Hermann Scheer die Courage hatten, ihm die Hand zu reichen.
Und natürlich die Freude in der baden-württembergischen SPD, die ihren Generalsekretär und Abgeordneten, ihr „Hassobjekt“, auf diese Weise loswurde. Er habe den „behäbigen Verein“ immer wieder aufgemischt, berichtet Tauss, den späteren Mister Stuttgart 21, Wolfgang Drexler, häufig angerempelt, und dafür eben die Quittung erhalten. Sie kam schon zwei Wochen nach dem 5. März mit der Rücktrittsforderung des Abgeordneten Rainer Stickelberger, einem Gefolgsmann Drexlers.
Ein Gespräch mit ihm lehnte die Fraktion ab, die Ämter ruhen zu lassen war keine Option, eine letzte Runde mit seinen Ortsvereinsvorsitzenden, in der er sich erklären wollte, war sinnlos geworden, nachdem die Meldung seines Rücktritts Stunden vorher durchgestochen wurde. Mit einem mutmaßlichen Kinderpornografen, so die Sprachregelung, war nicht in den Wahlkampf zu ziehen. Tauss schickte noch eine Kiste Sekt nach Stuttgart, die umgehend retourniert wurde.
Karlsruher Ermittler stellten Antrag auf Aufhebung der Immunität Tauss
Das Spiel über Bande, treffsicher vorgetragen von Justiz, Politik und einschlägigen Medien, ließ leicht vergessen, was der Staatsanwalt eigentlich in der Hand hat: das Gesetz, das allen, auch Bundestagsabgeordneten, den Erwerb, den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie verbietet, und wenig gefundenes Material bei Tauss, wie Oberstaatsanwalt Rüdiger Rehring einräumt. Die sichergestellte Menge bei Pädophilen sei „normalerweise größer“, bestätigt er. Normal sind Tausende von Dateien, weil sie wie Süchtige sind, die immer mehr brauchen.
Seit gestern ist klar was die Karlsruher Ermittler zu tun gedenken. Nachdem sie früh vollmundig von einer Anklage geredet hatten, dies dann wieder relativierten, haben sie am Montag den Antrag auf Aufhebung der Immunität Tauss’ beim Bundestag gestellt, über den der vermutlich am Dienstag schon entscheiden wird. Wird ihm stattgegeben, wovon auszugehen ist, folgt die Anklage beim Landgericht Karlsruhe.
Tauss’ Anwalt Jan Mönikes (Ludwigsburg) vermag hinter dem Hin und Her zwei Gründe zu erkennen: eine „sehr dünne“ Beweislage und die Absicht, das Thema wabernd im Wahlkampf zu halten. In der Tat liest sich der Bericht der Staatsanwaltschaft nicht wie die Offenbarung eines Kinderpornografen, der seiner Obsession erlegen ist. Aufgezählt sind 356 briefmarkengroße Bilder auf dem Handy, mehrere Videodateien, SMS-Kontakte zu Personen der Szene, Bargeldzahlungen in Höhe von 200 bis 300 Euro sowie ein Koffer, in dem Pornoliteratur, Videos und Sexutensilien lagerten. Sie erweckten den Anschein, so die Fahnder, dass sich Tauss in der homosexuellen Szene bewegte. Auch die Bücher „Spartacus International Gay Guide“ von 2004 und 2007 untermauerten dies.
Irmgard Tauss hat ihren Mann geprüft und vertraut ihm
„Jetzt soll ich also auch noch einen Schwulen zu Hause haben“, sagt Irmgard Tauss mit bitterer Ironie, „auch das habe ich wohl nicht gemerkt.“ Sie hat sich und ihren Mann genau geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass sie ihm vertrauen kann. Sie haben ihr Haus zur Vermietung ausgeschrieben und eine Wohnung im gleichen Ort bezogen, weil sie sparen müssen und nicht davonlaufen wollen. „Warum auch“, sagt sie, „wenn man ein reines Gewissen hat.“ Wenn ihr Mann heute zum Stammtisch geht, fragt er, ob auch ein „Krimineller“ Platz nehmen dürfe. Er darf.
Frau Tauss spricht von einem „Wendepunkt“, nicht von einer Katastrophe. Sie hat jetzt einen Partner, dessen rastloses Leben in, mit der Politik zu Ende ist, der aber auch nie gelernt hat, „Staub zu fressen“. Der Verdacht wird bleiben, egal, wie es ausgeht. Der ruhende Vertrag mit der IG Metall, die ihn wieder einstellen müsste, könnte materielle Sicherheit geben. Der Eintritt bei der Partei der Piraten, die ihn mit offenen Armen aufgenommen hat, könnte die Hoffnung auf eine Zukunft sein. „Aber ein Opa bei den Piraten“, fragt sich Irmgard Tauss. Es ist zu früh zu sagen, wo das enden wird. Zunächst wünscht sie sich „a bissle mehr Demut“ von ihrem Mann.
Quelle: Stuttgarter Zeitung



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